Unser Oberbürgermeister-Kandidat Michael Gugat hat das aktuelle FDP Plakat analysiert:
Ein Tiefpunkt in politischer Kommunikation
Die FDP Bielefeld hat auf Instagram das Foto eines Wahlplakates gepostet, das mich (fast) sprachlos zurücklässt. Auf knallgelbem Grund steht in pinken Lettern:
„Wenn Ihnen der Kesselbrink nachts Angst macht, besuchen Sie mal tagsüber unsere Grundschulen.“
Als jemand, der sich seit Jahren beruflich mit (auch politischer) Kommunikation beschäftigt, sehe ich hier nicht nur eine geschmacklose Pointe, sondern ein handwerklich desaströses Beispiel für Wahlkampfstrategie.
Ein Framing, das nach hinten losgeht
Was ist die intendierte Botschaft? Vermutlich: „Unsere Schulen sind unsicher, die FDP will das ändern.“ Doch die Formulierung schlägt gleich mehrfach kommunikativ fehl:
- Negative Rahmung (Framing): Wer Grundschulen in einem Atemzug mit „Angst“ assoziiert, beschädigt das Image dieser Institutionen. Für tausende Kinder, Eltern und Lehrkräfte ist Schule Alltag, Lernort, manchmal sogar sicherer Hafen. Hier Angst zu verankern, wirkt nicht nur zynisch, sondern politisch unklug.
- Zynischer Vergleich: Der Kesselbrink ist ein öffentlicher Platz, der auch geprägt von sozialen Problemlagen ist. Er wird hier gegen Grundschulen ausgespielt. Das funktioniert nur, wenn man beide Orte über einen einzigen gemeinsamen Nenner anspricht: Gefahr. Das ist billige Dramatisierung, keine seriöse Debatte.
- Subtile Ausgrenzung: Der Kesselbrink ist zugleich ein zentraler Treffpunkt für viele Menschen mit internationaler Familiengeschichte. Wer ihn pauschal als Angst-Ort markiert, setzt unterschwellig Signale, die bestimmte Gruppen stigmatisieren. Auch das macht die Botschaft problematisch. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, hier liege eine Form von Dog Whistling (also eine Zielgruppenadressierung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle) vor. Ob bewusst oder unbewusst, bleibt dahingestellt.
- Unklare Anschlussfähigkeit: Weder Elternräte noch Lehrer*innenverbände noch die breite Stadtgesellschaft werden sich mit so einer Botschaft identifizieren. Das Plakat zielt auf kurzfristige Aufmerksamkeit und verspielt zugleich Vertrauen.
In der Kommunikation spricht man von einer „Strategie des Skandals“: Man setzt bewusst auf Übertreibung, um Reaktionen hervorzurufen. Doch wo andere Parteien langfristig Narrative aufbauen, greift die FDP hier zum billigsten Mittel: Angst.
Die Lage der FDP in Bielefeld
Warum also dieser Kurs? Wahrscheinlich, weil die FDP in Bielefeld ein massives strategisches Problem hat. In keinem realistischen mathematischen Szenario hat sie eine Chance auf Beteiligung an einer Mehrheitskoalition. Sie ist im Stadtrat weitgehend isoliert. Selbst viele in der CDU reagieren auf die FDP längst nur noch mit Augenrollen. Wer so politisch in die Defensive gedrängt ist, versucht sich über Provokation zu retten.
Doch das ist ein Pyrrhussieg: Aufmerksamkeit um den Preis von Vertrauen, Schlagzeilen um den Preis politischer Anschlussfähigkeit.
Fazit
Mit diesem Plakat hat die FDP in Bielefeld nicht nur einen rhetorischen Fehltritt produziert. Sie hat gezeigt, wie man redliche politische Kommunikation nicht betreibt: durch billige Dramatisierung, durch Zynismus, durch das Spiel mit Ekel und Angst.
Es ist in meinen Augen ein Tiefpunkt in politischer Kommunikation. Und ein weiterer Beleg dafür, dass die FDP in Bielefeld derzeit keine Strategie hat. Außer der Hoffnung, über Empörung wahrgenommen zu werden.
Am Ende bleibt für mich festzuhalten: Menschen in Not brauchen Unterstützung, keine Stigmatisierung. Und unsere Schulen brauchen gute Ausstattung, motiviertes Personal und eine Politik, die ihnen den Rücken stärkt. Weder die einen noch die anderen haben es verdient, zu Popanzfiguren in einem schrägen Wahlkampfmanöver gemacht zu werden.

